Behinderte sind ganz normale Menschen
Rollstuhlfahrer erzählt den Grundschulklassen aus seinem Leben
mit einer Behinderung
Wolfgang Schäuble im Rollstuhl, die gehörlose Schauspielerin
Emmanuelle Laborit, der gelähmte Physiker Stephen Hawking, Mahmoud
Abdul-Rauf, amerikanischer Basketballstar mit Tourette-Syndrom, die blinde
Pop-Legende Stevie Wonder - sie alle haben es geschafft und sind in unserer
Gesellschaft anerkannt. Sie werden nur nach dem beurteilt, was sie in Kunst,
Politik, Wissenschaft oder Sport leisten. Ihre Behinderung spielt nur noch
eine untergeordnete Rolle. Ihre Einschränkung schließt sie nicht
von der Normalität. Wie sieht es aber bei Menschen mit Behinderungen
aus, die nicht prominent sind? In der Grundschule hatte alle Kinder die
Möglichkeit, in einem Gespräch mit einem Behinderten über
seine Erfahrungen zu sprechen.
Der 28jährige Stefan Schmölz leidet an einer sehr seltenen
Erbkrankheit, die Friedreich' sche Ataxie heißt. Bis zur fünften
Klasse konnte er ganz normal gehen, laufen oder springen. Dann stellten
sich Gleichgewichtsstörungen ein und ab. dem 16. Lebensjahr musste
er immer häufiger einen Rollstuhl benutzen, um sich fortzubewegen.
Seit er 20 ist, ist er vollständig auf den Rollstuhl angewiesen. „Ich
kann zwar auf meinen Beinen stehen, aber nicht mehr gehen", erzählt
er den Grundschülern. Da die Krankheit sehr selten ist, wird sie auch
nicht sehr intensiv erforscht. Daher weiß der 28jährige nicht,
wie sie weiter verlaufen wird; ob sie irgendwann zum Stillstand kommt oder
sich sein Zustand kontinuierlich
verschlechtert.
Die Arbeitsgemeinschaft Behinderte in den Medien leistet seit mehr
als 15 Jahren insbesondere mit Fernsehfilmen und anderen Aktivitäten
einen wichtigen Beitrag zur Bewußtseinsbildung in unserer Gesellschaft.
Klischeehafte und vorurteilsbeladene Darstellungen von Menschen mit Behinderungen
sollen vermieden werden. Das neueste Projekt der Arbeitsgemeinschaft heißt
„Objektiv - Filme zum. Thema ,Behinderung` in den Schulen". Es soll Aufklärungsarbeit
über die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen mit einem
medienpädagogischen Ansatz verbinden.
Dieses Projekt gibt es mittlerweile seit zwei Jahren und wird vom Sozialministerium
unterstützt, wie Michael Bernstein, der zusammen mit Karl-Heinz Gruber
das Projekt leitet, erläutert. Das Kultusministerium konnte sich nicht
zu einer Förderung hinreissen lassen, weil es die Aktivitäten
der Arbeitsgemeinschaft in ihrem Förderschema nicht einordnen konnte.
Vielleicht ein. Fingerzeit, wie
wichtig dem Kultusministerium die Integration Behinderter ist.
Die Arbeitsgemeinschaft bot allen Schulen ihr Projekt an und Schulleiter
Peter Köppen hat das Angebot dankbar aufgegriffen. Michael Bernstein
kam zusammen mit dem Behinderten Stefan Schmölz für eine Woche
in die Grundschule und besuchte dort jede Klasse, jeweils für zwei
Schulstunden. Dabei zeigten sie zuerst einen kurzen Film, der das Leben
von Behinderten aufzeigte. Dabei waren für die einzelnen Altersstufen
jeweils altersgemäße Filme ausgewählt worden.
Anschließend blieb noch genügend Zeit für die Schüler,
sich mit Stefan Schmölz zu unterhalten. So wollten sie wissen, wo
und wie der 28jährige lebt, was er arbeitet und was er in seiner Freizeit
macht. Schmölz erzählte, wie seine Wohnung aussieht, die natürlich
behindertengerecht ausgestattet werden musste. Er berichtete von den Schwierigkeiten,
mit denen er zu kämpfen hat; beispielsweise beim Einkaufen, wo er
immer wieder auf Hilfe angewiesen sei. Oder bei bestimmten Arbeiten im
Haushalt, wie zum Beispiel das Fenster putzen, die er nicht selbst erledigen
kann. Auch hier brauche er Hilfe.
Erstaunt waren die Kinder, als er von seinem Hobby, dem Biken, erzählte.
Doch er erklärte ihnen, dass es spezielle Räder für Rollstuhlfahrer
gebe, die praktisch an den Rollstuhl angebaut werden können. Als Stefan
Schmölz nach Freunden gefragt wurde, wurde auch eine Problematik der
Behinderten deutlich. „Als ich noch laufen konnte, hatte ich viele Freunde.
Als ich dann im Rollstuhl saß, waren es plötzlich nicht mehr
so viele, weil ich ja nicht mehr alles mitmachen konnte".
Damit die Kinder auch ein Gefühl für den Umgang mit dem Rollstuhl
bekommen, hatten sie die Möglichkeit, sich selbst hineinzusetzen und
ein paar Meter zu fahren. Es sei ein komisches Gefühl, meinten sie
anschließend.
Nach der anstrengenden Woche meinten Bernstein und Schmölz übereinstimmend,
dass die Kinder sehr engagiert mitgemacht hätten. Manche hätten
Berührungsängste gehabt und nicht genau gewusst, wie sie sich
verhalten sollten. Das habe sich allerdings in kurzer Zeit gegeben. Andere
seien bereits mit Vorurteilen in den Unterricht gekommen, die sie sicher
von Erwachsenem gehört hätten. Doch beide äußerten
die Hoffnung, dass sie diese Vorurteile widerlegen konnten.
Harald Schwarz |
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