Das Projekt

Anleitung

Kurze Filme

Lange Filme

Bestellung

Mail

Home

b j e k t i v

Behinderung, Medien und Schule

Überschrift Das Projekt
 
 
 

Vilsbiburger Zeitung vom 25. Juli 2000
Behinderte sind ganz normale Menschen
Rollstuhlfahrer erzählt den Grundschulklassen aus seinem Leben mit einer Behinderung
Wolfgang Schäuble im Rollstuhl, die gehörlose Schauspielerin Emmanuelle Laborit, der gelähmte Physiker Stephen Hawking, Mahmoud Abdul-Rauf, amerikanischer Basketballstar mit Tourette-Syndrom, die blinde Pop-Legende Stevie Wonder - sie alle haben es geschafft und sind in unserer Gesellschaft anerkannt. Sie werden nur nach dem beurteilt, was sie in Kunst, Politik, Wissenschaft oder Sport leisten. Ihre Behinderung spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Ihre Einschränkung schließt sie nicht von der Normalität. Wie sieht es aber bei Menschen mit Behinderungen aus, die nicht prominent sind? In der Grundschule hatte alle Kinder die Möglichkeit, in einem Gespräch mit einem Behinderten über seine Erfahrungen zu sprechen.

Der 28jährige Stefan Schmölz leidet an einer sehr seltenen Erbkrankheit, die Friedreich' sche Ataxie heißt. Bis zur fünften Klasse konnte er ganz normal gehen, laufen oder springen. Dann stellten sich Gleichgewichtsstörungen ein und ab. dem 16. Lebensjahr musste er immer häufiger einen Rollstuhl benutzen, um sich fortzubewegen. Seit er 20 ist, ist er vollständig auf den Rollstuhl angewiesen. „Ich kann zwar auf meinen Beinen stehen, aber nicht mehr gehen", erzählt er den Grundschülern. Da die Krankheit sehr selten ist, wird sie auch nicht sehr intensiv erforscht. Daher weiß der 28jährige nicht, wie sie weiter verlaufen wird; ob sie irgendwann zum Stillstand kommt oder sich sein Zustand kontinuierlich
verschlechtert.
Die Arbeitsgemeinschaft Behinderte in den Medien leistet seit mehr als 15 Jahren insbesondere mit Fernsehfilmen und anderen Aktivitäten einen wichtigen Beitrag zur Bewußtseinsbildung in unserer Gesellschaft. Klischeehafte und vorurteilsbeladene Darstellungen von Menschen mit Behinderungen sollen vermieden werden. Das neueste Projekt der Arbeitsgemeinschaft heißt „Objektiv - Filme zum. Thema ,Behinderung` in den Schulen". Es soll Aufklärungsarbeit über die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen mit einem medienpädagogischen Ansatz verbinden.
Dieses Projekt gibt es mittlerweile seit zwei Jahren und wird vom Sozialministerium unterstützt, wie Michael Bernstein, der zusammen mit Karl-Heinz Gruber das Projekt leitet, erläutert. Das Kultusministerium konnte sich nicht zu einer Förderung hinreissen lassen, weil es die Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft in ihrem Förderschema nicht einordnen konnte. Vielleicht ein. Fingerzeit, wie
wichtig dem Kultusministerium die Integration Behinderter ist.
Die Arbeitsgemeinschaft bot allen Schulen ihr Projekt an und Schulleiter Peter Köppen hat das Angebot dankbar aufgegriffen. Michael Bernstein kam zusammen mit dem Behinderten Stefan Schmölz für eine Woche in die Grundschule und besuchte dort jede Klasse, jeweils für zwei Schulstunden. Dabei zeigten sie zuerst einen kurzen Film, der das Leben von Behinderten aufzeigte. Dabei waren für die einzelnen Altersstufen jeweils altersgemäße Filme ausgewählt worden.
Anschließend blieb noch genügend Zeit für die Schüler, sich mit Stefan Schmölz zu unterhalten. So wollten sie wissen, wo und wie der 28jährige lebt, was er arbeitet und was er in seiner Freizeit macht. Schmölz erzählte, wie seine Wohnung aussieht, die natürlich behindertengerecht ausgestattet werden musste. Er berichtete von den Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat; beispielsweise beim Einkaufen, wo er immer wieder auf Hilfe angewiesen sei. Oder bei bestimmten Arbeiten im Haushalt, wie zum Beispiel das Fenster putzen, die er nicht selbst erledigen kann. Auch hier brauche er Hilfe.
Erstaunt waren die Kinder, als er von seinem Hobby, dem Biken, erzählte. Doch er erklärte ihnen, dass es spezielle Räder für Rollstuhlfahrer gebe, die praktisch an den Rollstuhl angebaut werden können. Als Stefan Schmölz nach Freunden gefragt wurde, wurde auch eine Problematik der Behinderten deutlich. „Als ich noch laufen konnte, hatte ich viele Freunde. Als ich dann im Rollstuhl saß, waren es plötzlich nicht mehr so viele, weil ich ja nicht mehr alles mitmachen konnte".
Damit die Kinder auch ein Gefühl für den Umgang mit dem Rollstuhl bekommen, hatten sie die Möglichkeit, sich selbst hineinzusetzen und ein paar Meter zu fahren. Es sei ein komisches Gefühl, meinten sie anschließend.
Nach der anstrengenden Woche meinten Bernstein und Schmölz übereinstimmend, dass die Kinder sehr engagiert mitgemacht hätten. Manche hätten Berührungsängste gehabt und nicht genau gewusst, wie sie sich verhalten sollten. Das habe sich allerdings in kurzer Zeit gegeben. Andere seien bereits mit Vorurteilen in den Unterricht gekommen, die sie sicher von Erwachsenem gehört hätten. Doch beide äußerten die Hoffnung, dass sie diese Vorurteile widerlegen konnten. 

Harald Schwarz 

Zeitungsausschnitt Vilsbiburger Zeitung